Markiert und am Leben

Bei der Mahd an Christi Himmelfahrt konnten zwischen Gallenweiler und Wettelbrunn vier Kitze gerettet werden.

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Staufen / Markgräflerland (gau). Es ist fünf Uhr morgens an Christi Himmelfahrt, im Osten hinter der Staufener Burg wird es langsam hell. Auf einem Feldweg zwischen Gallenweiler und Wettelbrunn stehen zehn Jäger und ein Pilot: Wolfram Walter von der Rehkitzrettung Südbaden schaltet die Drohne mit einer Hochleistungs-Wärmebildkamera an, die vier Rotoren sirren los, die Drohne blinkt rot und grün und hebt ab.

Da für die nächsten Tage gutes Wetter angesagt ist, will der Landwirt heute die Felder abmähen. Das bedeutet höchste Lebensgefahr für die jungen Rehkitze, die zwischen April und Juni geboren und von den Rehgeißen im hohen Gras abgelegt werden. Durch ihre gute Tarnung sind sie selbst aus nächster Nähe nicht zu erkennen und können auch von Raubtieren wie Fuchs und Dachs aufgrund ihres geringen Eigengeruchs kaum gefunden werden. Sie bleiben liegen, wer auch immer sich nähert – und wenn es das Mähwerk eines Traktors ist. So sterben nach Schätzungen des Deutschen Jagdverbandes jedes Jahr rund 100.000 Kitze bereits wenige Tage nach ihrer Geburt. Jäger und Naturschützer arbeiten deshalb mit Drohnenpiloten zusammen, um die jungen Kitze vor dem Mähtod zu bewahren. Den Landwirten bieten sie an, die Felder vor der Mahd nach Rehkitzen abzusuchen und diese in Sicherheit zu bringen. Die Rehkitzrettung Südbaden wurde im Mai 2021 gegründet und konnte im vergangenen Jahr 17 Kitze retten, in diesem Jahr sind es bereits acht.

Sieben Hektar in 30 Minuten

Heute Morgen sind drei Felder mit insgesamt sieben Hektar an der Reihe: Die Drohne benötigt für ihren aufgrund der Geodaten automatisch eingegebenen Kurs nicht mehr als 30 Minuten, muss aber zweimal kurz zwischenlanden, damit der Akku gewechselt werden kann. Bärbel Walter überwacht den Flug zusätzlich mit einem Monitor und achtet auf die typischen Wärmesignaturen, die ein Rehkitz im kühlen Gras verraten: „Wir müssen deshalb sehr früh am Morgen beginnen, denn sobald die Sonne aufgegangen ist, können die Temperaturunterschiede zwischen den Tieren und ihrer Umgebung nicht mehr erkannt werden.“ Zusammen sind sie momentan fast jeden Morgen unterwegs, um Rehkitze zu retten.

Gut versteckt im hohen Gras

Es geht keine drei Minuten, da entdeckt sie den ersten weißen Fleck auf dem Bildschirm: „Hier ist eines.“ Wolfram Walter schickt den ersten Suchtrupp los, der mit Säcken und einer Markierungszange ausgestattet ist. Die Drohne bleibt direkt über der Signatur stehen, die beiden Jäger gehen weiter, bis sie ebenfalls unter der Drohne stehen. Jetzt gibt der Drohnenpilot die genauen Kommandos per Funkgerät weiter. „Hand ausstrecken und zwei Meter nach vorne gehen. Stopp. Hand nach rechts und einen halben Meter weiter. Stopp. Jetzt befindet sich die Hand genau über dem Kitz.“ Markus Neumann aus Wettelbrunn schaut runter, aber kann im hüfthohen Gras nichts erkennen. Erst als er die Gräser etwas beiseite schiebt, entdeckt er das junge Rehkitz, das zusammengeknäult und ruhig am Boden liegt. „Ohne Drohne und Wärmebildkamera hätten wir so gut wie keine Chance, diese überhaupt zu finden.“ Paul Schmid, der die Drohneneinsätze für die Jägervereinigung Markgräflerland koordiniert, kommt ebenfalls herbei: „Es ist ein weibliches Tier, erst zwei Tage alt“, erkennt er auf einen Blick und markiert es mit einer blauen Ohrmarke. „Es wiegt nicht einmal ein Kilogramm.“

Projekt Rehwildmarkierung

Mit dem Projekt Rehwildmarkierung sollen Langzeitdaten zur Ökologie des Rehwildes in Baden-Württemberg gewonnen werden. Das Projekt wird von der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg (WFS) in Aulendorf durchgeführt. „Das funktioniert aber nur, wenn erlegte, überfahrene oder verendet aufgefundene Rehe mit einer Ohrmarke an die Wildforschungsstelle (Tel. 07525/942-340 oder per Email an poststelle-wfs(at)lazbw.bwl.de) gemeldet werden“, erklärt Paul Schmid. Die Markierungsdaten liefern dann unter anderem Hinweise auf Setzzeiten und Geschlechterverhältnis und deren langfristige Entwicklung. Über die Rückmeldung markierter Rehe können Daten zu Altersaufbau, Abwanderung, Todesursachen und Bejagung gewonnen werden.

Noch während das erste Kitz in einem Jutesack am Feldrand abgelegt wird, flieg die Drohne weiter und verharrt zehn Meter weiter über der nächsten Wärmesignatur. Es ist das zweite Kitz – ebenfalls weiblich. „Kitze bringen oft Zwillinge oder sogar Drillinge zur Welt“, erklärt Paul Schmid. Auch dieses wird markiert und in Sicherheit gebracht.

Ausgebüxt ins Weizenfeld

Das nächste Feld liegt 500 Meter entfernt; das Drohnenteam packt alles ein und verlegt dorthin. Fünf Minuten später sirrt die Drohne schon wieder über den Köpfen und Bärbel Walter erkennt das nächste Signal. Wieder sind es zwei Kitze, die jedoch schon knapp eine Woche alt und etwas mobiler sind. Das erste Kitz kann gebogen und markiert werden, das zweite springt ab und versteckt sich im angrenzenden Weizenfeld, doch auch dort ist es in Sicherheit. Auch die Rehgeiß ist in der Nähe und schaut sorgenvoll zu, was die Menschen mit ihrem Nachwuchs machen.

Noch während Paul Schmid und sein Team am Rand der Felder Warnmelder anbringen, die einen schrillen Ton abgeben, damit die Kitze und Rehe nicht in das hohe Gras zurückkehren, klingelt sein Telefon. Der nächste Landwirt meldet sich mit der Bitte um Unterstützung. Kurzerhand packen Wolfram und Bärbel Walter ihr Equipment ein und fahren weiter Richtung Münstertal. Am Taleingang im Kropbach können sie zwar keine Kitze, aber eine Rehgeiß am Feldrand ausmachen. Der Landwirt ist erleichtert.

In Wettelbrunn kommt pünktlich um 9:30 Uhr der Traktor, fährt das Mähwerk aus und kurze Zeit später liegen die abgeschnittenen Halme auf dem Boden – aber zum Glück keine kleinen Rehkitze. Vier von ihnen konnten an diesem Morgen gerettet werden.

Weitere Informationen:

https://lazbw.landwirtschaft-bw.de/pb/,Lde/Startseite/Themen/Rehwildmarkierung

www.rehkitzrettung-suedbaden.de

(Georg Auer)